„Erfahrung ist das Wichtigste“

Nephrologie ist Schwerpunktzentrum für ganz Mitteldeutschland

Eingespieltes Team (von links): Prof. Dr. Volker Kliem leitet die Nephrologie-Abteilung im Klinikum Hann. Münden, Ulf Nagorsnik und Dr. Dr. Alexander Nabokow. Foto: Schreivogel

Seit fast 20 Jahren sind sie ein eingespieltes Team, arbeiten zusammen, vertrauen sich und verlassen sich aufeinander: Prof. Dr. Volker Kliem, Ärztlicher Direktor des Klinikums Hann. Münden, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin und Nephrologie, sowie sein Kollege Dr. Dr. Alexander Nabokow, leitender Oberarzt dieses Fachbereichs. „Erfahrung ist das Wichtigste in der Medizin!“ erklärt Professor Kliem. „Gerade die Nierenheilkunde ist kein Bereich wie jeder andere.“ Und Dr. Nabokow ergänzt: „Im Grunde sind wir die Hausärzte der Dialysepatienten.“

Kliem, 1957 geboren, studierte in Göttingen und Kiel. Es folgten Stationen in Bremen, Wilhelmshaven, zuletzt in der Medizinischen Hochschule Hannover. Er spezialisierte sich zuerst auf Pharmakologie und Toxikologie, arbeitete dann im Bereich Innere Medizin, Intensivmedizin und Nephrologie. Schließlich bewarb er sich als Chefarzt an das damalige Nephrologische Zentrum Niedersachsen (NZN) und wurde aus über 40 Mitbewerbern ausgewählt. Seit dem 1. Januar 2000 ist er jetzt in Hann. Münden tätig.
Nabokow, 1963 geboren, studierte in seiner Heimatstadt Sankt Petersburg und arbeitete als Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie an der dortigen Universitätsklinik. Ein Stipendium führte ihn nach Heidelberg, wo er drei Jahre klinisch und wissenschaftlich arbeitete. Anschließend wechselte er als Oberarzt nach Hann. Münden und ist hier seit mittlerweile 20 Jahren tätig.

Gegründet wurde das Nephrologische Zentrum Niedersachsen (NZN) 1972 auf Initiative von Prof. Dr. Eduard Quellhorst. Der Göttinger Oberarzt hatte den Aufbau des Dialyseverfahrens Ende der 1960er Jahre maßgeblich beeinflusst. Ihm zur Seite stand Dr. Winfried Schott, ein Pionier mit auch noch heute einer der längsten Listen an durchgeführten Nierentransplantationen. „Das waren noch ganz andere Zeiten“, blickt Professor Kliem zurück. „Pionierarbeit, weil alles noch in den Kinderschuhen steckte. Glanzleistungen in der Erforschung dieses Gebiets.“

Die längste Zeit einer erfolgreichen Hämodialysebehandlung in Hann. Münden beträgt 40 Jahre – ein deutschlandweit rekordverdächtiger Wert! Auch andere Dialyseverfahren werden hier durchgeführt, beispielsweise die so genannte Bauchfelldialyse, bei der ein Katheter direkt in den Bauchraum eingeführt wird. Dieses Verfahren wird in Deutschland noch zu wenig, bei nur vier Prozent aller Nierenpatienten angewandt. Auch das Fachgebiet Nierentransplantation hat sich im NZN weiterentwickelt. Etwa 20 Prozent der Organe sind Lebendspenden eines Verwandten oder einer emotional nahestehenden Person. Der restliche, wesentlich größere Teil sind Organe eines soeben Verstorbenen, die schnellstmöglich (am besten innerhalb von zwölf Stunden) transplantiert werden müssen. Ein Spenderorgan hält heutzutage durchschnittlich 14 Jahre, allerdings ist ein Patient in Hann. Münden auch mehr als 40 Jahre erfolgreich nierentransplantiert.

Heute ist das NZN als Abteilung Nephrologie im neuen Klinikum Hann. Münden integriert und gehört zu den besten Spezialkliniken landesweit. Das Einzugsgebiet reicht im engeren Kreis von 50 bis 80 km, im weiteren Kreis sogar über 200 km hinaus. Die Nephrologie ist somit ein wichtiges Versorgungszentrum für ganz Mitteldeutschland. Das NZN deckt das gesamte Spektrum der Nierenheilkunde einschließlich Nierentransplantationen und Dialysezugangschirurgie ab, wird in einer Reihe mit Berlin, Hannover, Köln und München genannt. Die Zahl der Transplantationen seit 1977 beträgt aktuell rund 2.700. Etwa 700 shuntchirurgische Eingriffe werden pro Jahr durchgeführt.

Seit zehn Jahren ist die Abteilung Nephrologie als Nephrologische Schwerpunktklinik – auch für Nierentransplantation – und als Zentrum für Hochdruckkrankheiten zertifiziert; die Zertifizierung konnte bis jetzt dreimal in Folge erreicht werden. Im Umkreis von 100 km gibt es keine weitere Klinik mit einer solchen Spezialisierung.
Gemeinsam mit der Medizinischen Hochschule Hannover ist das NZN in ein landes- und auch bundesweites Modellprojekt „NTx 360°“ integriert, bei dem eine langfristige Betreuung nierentransplantierter Patienten unter anderem mittels Telemedizin erfolgt. Kritisch sehen Professor Kliem und Dr. Nabokow die Spendenbereitschaft in Deutschland. „In Europa sind wir Schlusslicht. Pro Million Einwohner kommen wir auf gerade mal knapp zehn Spender. Spitzenreiter ist Spanien mit etwa 47 Organspenden pro Million Einwohner.“ Beide wünschen sich, dass hier ein Umdenken sowie eine Sensibilisierung in der Bevölkerung stattfindet.
Sven Schreivogel